Computer Zeitung/E-Learning: Ohne Bedarfsanalyse hat E-Learning kein Erfolg, in: Computer Zeitung, Konradin Verlag, Leinfelden, Nr. 27, 05.07.01 2001, pp. 21.

THEMES: Computer Zeitung | E-Learning
YEAR: 2001
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User: Anonymous


LABEL: e-Learning
ORGANIZATIONS: IBM | imc
PEOPLE: Docent | Tepel, Susanne
PLACES: Leinfelden
THINGS: Lernmedien | Mindspan
TIME: 2001
 

LERNMEDIEN

Ohne Bedarfsanalyse hat E-Learning kein Erfolg

Die Einführung neuer Lernmedien scheitert oft daran, dass sich die Betriebe keine Gedanken über ihren Bedarf machen. Dabei bieten E-Learning­Spezialisten Beratung, Workshops und Check­Listen an, damit der erste Schritt in die neue Lernwelt nicht zum Flop wird.

Dem E­Learning­Hype sind bereits etliche Betriebe aufgesessen. "Einige unserer Kunden haben E-Learning irgendwie eingeführt, aber dann lief es nicht", erzählt Susanne Tepel, Managerin Mindspan Services, Sales und Marketing bei IBM. An der Technik lag es nicht, sondern an der Umsetzung. "Die Unternehmen haben die Einbindung ihrer Mitarbeiter veigessen"; erklärt Tepel. Frank Haberrnann, Geschäftsstellenleiter des Lernplattformanbieters IMC in Berlin, bestätigt: "Es gibt Softwareanbieter, die nur ihre Lizenzen verkaufen wollen, ihre Kunden danach aber mit ihren Problemen allein lassen."

Dabei ist Beratung angesichts der hohen Investitionskosten ein absolutes Muss. "Einige Unternehmen gehen das Problem völlig falsch an", meint Tepel von IBM, "wichtig ist, was man damit erreichen will." Wenn es der Chefetage nur um eine Verringerung von Reisekosten und Abwesenheiten ginge, ergänzt Thomas Bayer, Leiter der Ausbildungsberatung bei Sun Educational Services, sehe das Konzept anders aus als bei einem Betrieb, der ein umfangreiches Wissensmanagementsystem aufbauen wolle.
Workshops und
Check­Listen helfen

Um den Dschungel der Möglichkeiten zu lichten, bietet IBM Workshops für Einsteiger an, in denen erst einmal die Rahmenbedingungen abgeklärt werden, wie zum Beispiel Betriebsgröße, Organisation, Hierarchien, Lernkultur und andere Parameter. "Ist ein Betrieb nur an einem Standort vertreten", erklärt Tepel, "bieten sich andere Lösungen an als für Unternehmen, die über die ganze Welt verteilt sind."
Doch nicht jeder Kunde. will sich schon in der frühen Planungsphase einen teuren Berater ins Haus holen. Daher hat IMC einen Fragebogen entwickelt, der den Entscheidern die Grundlagenarbeit abnehmen und zentrale Kriterien abklären soll. Dazu gehören neben der technischen Ausstattung und der Netzwerkumgebung auch die Erfahrung der Mitarbeiter mit neuen Lernmedien, die IT­Organisation, Hierarchien, Lernkultur, der geplante Content und natürlich die Zielgruppenbestimmung. Im Juli können Interessenten unter www.im­c.de/elearncheck das Tool kostenlos testen. Nach Beendigung des Fragebogens liefert der Computer eine erste Einschätzung der Situation. Zahlende Kunden (der E­Learn­Check kostet 3000 Euro für sieben Tage) können sich zusätzlich Unterstützung bei realen Beratern holen. Der Clou: Bei der Auswertung kann es durchaus vorkommen, dass IMC eine Plattform der Konkurrenz empfiehlt. "Alles andere wäre unseriös", erklärt Habermann.

Bei der Einführung neuer Lernmedien wird oft nicht auf die Akzeptanz der Mitarbeiter geachtet. Wer sich beim E-Learning nur auf die Technik konzentriert, setzt viel Geld in den Sand.
Foto: COM

Wenn die grundlegenden Parameter abgeklärt sind, muss entschieden werden, wer ins Projektteam gehört. "Häufig stoßen die IT- oder Personalabteilungen das Thema an", erläutert Bayer. Auch die Fachabteilungen haben ein Wörtchen mitzureden. Und wenn es um das heikle Thema der Lernerfolgskontrolle geht, muss der Betriebsrat gehört werden.
Einstieg über ASP ist kostengünstig

Wer trotz ausführlicher Bedarfsanalyse noch nicht sicher ist, welche Lösung zu ihm passt und ob die Plattform auch von der Belegschaft angenommen wird, kann bei etlichen Anbietern die Produkte über Application Service Providing testen. "Wenn die Lösung zum Profil passt, kann man sie später immer noch kaufen", argumentiert Bayer. Auch für große Unternehmen kann ASP ideal sein, vor allem, wenn es um die Vermittlung von Standard-Contents geht, wie zum Beispiel unternehmensweite Office-Schulungen oder Software­Updates für IT Mitarbeiter.


Technische Features einer Lernplattform machen nur einen kleinen Teil des Konzepts aus. Wer es mit E-Learning ernst meint, muss seine Prozesse umstellen.

Die größten Fehler passieren in der Regel dadurch, dass die Professionalität des E­Learning unterschätzt wird. "Das kann man nicht nebenbei machen", meint Habermann von IMC. E­Learning sei ein Projekt wie die Einführung von SAP ­ ohne entsprechendes Vorwissen stellen die Kunden die falschen Fragen. "Es geht nicht darum, welche Plattform welche Features hat", erklärt Habermann, "darin unterscheiden sich die Anbieter wenig. Es geht darum, was der User damit anfangen will." So biete fast jede Plattform eine Inhaltsbewertung. Dagegen müsse vielmehr. geklärt werden, wer die Inhalte bewerten darf, ob sie anonym bewertet werden sollen und ob es sich um eine obligatorische oder optionale Funktion handelt. "Hier erst driften die Angebote auseinander", so Habermann. Doch die meisten Projektteams würden gar nicht so weit denken.
Der zweite große Fehler ist, einfach Inhalte ins Netz zu stellen und zu hoffen, dass die Mitarbeiter mit Begeisterung am Wochenende lernen. Unterstützung von Betreuern tut Not. "Tutoren haben nicht umsonst eine pädagogische Ausbildung", mahnt Tepel. Daher setzt IBM auf einen Mix von 40 Prozent E­Learning und 60 Prozent Präsenztraining.

Don Hernandez, Geschäftsführer für Deutschland, Österreich und für die Schweiz bei Docent, sieht vor allem in den Einsatzgebieten ein großes Manko. "Zwei Drittel der Inhalte kommen aus der IT. Aber wenn ein Mitarbeiter eine Excel-Schulung absolviert, bringt das dem Betrieb noch nicht viel. E­Learning muss intensiver für die Schulung von Vertriebs- und Marketingleuten eingesetzt werden, etwa für Produktschulungen und Konkurrenzbeobachtungen." Erst dann habe man einen echten Wettbewerbsvorteil.
ks