Levine, Arthur: Feindliche Übernahme - Wird es in Zukunft noch staatliche Universitäten geben?, in: Die Zeit, Nr. 23 2000, pp. S. 36.

THEMES: Levine, Arthur
YEAR: 2000
 

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In: Die ZEIT, Nr. 24/2000, S. 36




Feindliche Übernahme
Wird es in Zukunft noch staatliche Universitäten geben? Ein amerikanischer Bildungsexperte blickt in die Zukunft Von Arthur Levine

In der Erziehung des Henry Adams schrieb der amerikanische Historiker Adams, er habe eine College-Erziehung des 18. Jahrhunderts erhalten, als die Welt schon dem 20. Jahrhundert entgegenstürzte. Innerhalb weniger Jahre war der Lehrplan um 200 Jahre hinter die Zeit zurückgefallen. Das heutige Tempo des ökonomischen und vor allem technologischen Wandels setzt die Hochschulbildung erneut der Gefahr aus zurückzufallen. Und diesmal wird der äußere Druck diejenigen, die das Bild der Hochschulen prägen, wahrscheinlich dazu zwingen, die Bildungseinrichtung nicht nur anzupassen, sondern von Grund auf zu verändern.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hochschulbildung eine Wachstumsindustrie. Die Regierungen auf der ganzen Welt förderten sie in dem Wunsch nach einer besser ausgebildeten Bevölkerung, ohne groß Fragen zu stellen. Das hat sich geändert. Heute wollen Politiker wissen, wofür öffentliche Mittel, Stipendien und Studentenförderung verwandt werden, und stellen Fragen: Wie viel soll das Lehrpersonal lehren? Was ist die angemessene Balance zwischen Lehre und Forschung? Soll es Anstellungsverträge auf Lebenszeit geben? Warum sind die Studiengebühren nicht höher? Wieso brauchen Studenten so lange bis zum Examen?

Der Aufstieg der Online-Ausbildung und anderer neuer Technologien hat enorme Auswirkungen auf diese Fragen. Das Lehrbuch stirbt aus. Wir verwenden zunehmend Lehrmittel, die passgenau auf die Studenten in unseren Seminaren zugeschnitten sind. Für diejenigen unter uns, die in den Kursen noch immer Jahr für Jahr mit ihren vergilbten Notizen unterrichten, wird es keine Entschuldigung mehr geben.

Es ist inzwischen möglich, dass ein Professor eine Vorlesung in Kairo hält, ich diese Vorlesung am Teachers College in New York höre, ebenso wie ein Student in Tokyo. Dabei ist es für uns alle so, als säßen wir im selben Hörsaal. Ich kann den Studenten aus Tokyo neben mir (per E-Mail) kurz anstupsen und fragen: "Ich hab die letzten Sätze des Professors nicht mitbekommen. Was hat er gesagt?", worauf meine Frage ins Japanische übersetzt wird und wenige Sekunden später die Antwort auf Englisch kommt. Der Professor kann auf mich und meinen japanischen Kollegen zeigen und sagen: "Ich möchte, dass Sie zum nächsten Mal ein Projekt vorbereiten." Wenn wir das alles können, wozu brauchen wir dann noch die reale Einrichtung namens College?

Allein in den USA ist die Hochschulbildung eine Industrie mit einem Umsatz von 225 Milliarden Dollar. Das macht sie als Ziel privater Investitionen interessant. Unlängst sagte mir ein Unternehmer: "Sie sind in einer Industrie, die Hunderte von Milliarden Dollar wert ist, aber Sie sind bekannt wegen niedriger Produktivität, hoher Kosten, schlechten Managements und dafür, dass Sie die modernen Technologien nicht nutzen. Sie werden das nächste Gesundheitssystem sein: eine schlecht gemanagte gemeinnützige Industrie, die vom profitorientierten Sektor übernommen wurde."

Ein erstaunliches Phänomen ist die profitorientierte Universität Phoenix, die über alle diese Eigenschaften verfügt und an der Börse gehandelt wird. Sie möchte innerhalb der nächsten zehn Jahre 200 000 Studenten erreichen und ist schon heute mit 6000 online verbunden. Sie hat das meiste, was in der Hochschulbildung üblicherweise gemacht wird, abgebaut und arbeitet überwiegend mit Teilzeitlehrkräften. Die Lehrpläne sind einheitlich und werden alle paar Jahre mit Hilfe von Leuten aus der Industrie erstellt.

Investmentfirmen entwickeln Verfahren für die Hochschulausbildung. Risikokapitalgruppen stecken Geld in Unternehmen der Hochschulbildung. Während der nächsten Jahre werden wir erleben, dass irgendein Unternehmen bekannte Lehrkräfte an unseren renommiertesten Studieneinrichtungen engagiert und übers Internet einen Gala-Abschluss anbietet. Man wird die Besten der Universitäten von Columbia, Oxford und Tokyo nehmen und zu niedrigeren Kosten, als wir es können, ein Programm anbieten. Ein erstklassiger Professor betreut an unserem College jährlich ungefähr 200 Studenten. Der geringer bezahlte Online-Professor dagegen könnte Tausende betreuen. Die Ökonomie spricht nicht für uns.

Die größte Gefahr ist die, dass die Hochschulbildung zur nächsten Eisenbahnindustrie werden könnte. Diese baute jahrzehntelang immer größere und bessere Bahnen, weil sie sich eben in dieser Branche wähnte. In Wirklichkeit gehörte sie zur Beförderungsindustrie und wurde vom Flugzeug fast aus dem Markt gedrängt. Hochschulen sind nicht in der Campusbranche, sondern in der Bildungsbranche. Uns in der Hochschulbildung Tätigen bleibt nur wenig Zeit zum Nachdenken. Was ist der Zweck der Hochschulbildung? Wie sollen wir sie weiterhin gewährleisten? Diese Fragen nicht zu beantworten hieße, durch passives Verharren eine weitreichende Entscheidung über unsere Zukunftsaussichten zu treffen.

Der Autor, Präsident des Teachers College der Columbia University, hat diesen (hier leicht gekürzten) Text für die "New York Times" verfasst. Deutsch von Eike Schönfeld


© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 24
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